Ich kenne meine Pappenheimer

Gert Voss ist Albrecht Wallenstein

Aus der Wallenstein-Trilogie (Wallensteins Lager, Die Piccolomini, Wallensteins Tod) hat man für diesen Burgtheaterabend ein rund dreieinhalbstündiges Theaterstück gemacht. Nun ist man derlei Vorgängen im Burgtheater gegenüber inzwischen sehr skeptisch, aber in diesem Fall ist diese Kürzung virtuos geglückt – und das, ohne zusätzliche Figuren zu erfinden oder einen Erzähler einzubauen, wie wir es auch schon schmerzlich sehen mussten.

Gert VossGanz und gar nicht: Unter der Regie von Thomas Langhoff spielt man hier das Stück und verlässt sich auf des alten Schiller Sprachgewalt und Theaterkunst. Die Menschen stehen im Vordergrund, und das trotz eines wirklich aufwendigen Bühnenbilds (Bernhard Kleber), das dem Regisseur unbeschränkte Möglichkeiten bietet. Und so werden Auf- und Abtritte wirklich wieder zu Ereignissen, und man erahnt wieder, wo welche Szene spielt. Auch menschliche Dekoration ist nicht mehr tabu – das Feldherrenquartier hat kein absurdes Symbol einer Wache vor der Tür, sondern es stehen, man faßt es kaum, zwei Soldaten vor der Tür. All diese Tatsachen erlauben dem Zuschauer auch, sich ganz auf das sprachliche und menschliche Geschehen auf der Bühne zu konzentrieren – ist das nicht der eigentliche Sinn eines solchen Abends? Man hätte es gerade im Burgtheater in letzter Zeit schon fast vergessen können.

Da es sich unbestrittenermaßen um einen der größten Dramatiker handelt, sei hier also nur das menschliche Geschehen behandelt. Peter Matic als Questenberg scheint direkt vom Ballhausplatz ins Burgtheater zu kommen; welch wunderbare Darstellung eines Dieners der Bürokratie! Heinrich Schweiger, Ignaz Kirchner, Johannes Krisch und Franz J. Csencsits sind die Generäle Wallensteins, denen das Vertrauen in ihren Feldherrn abhanden kommt – man nimmt es ihnen ab. Der Vater-Sohn-Konflikt der Piccolominis wird von Dieter Mann und Christian Nickel so dargestellt, dass man als Zuschauer nicht weiß, wem man die größere Sympathie entgegenbringen soll; zuviel haben beide Standpunkte jeweils für sich.

Überhaupt ist das die große Kunst des Stücks und seiner Schauspieler: Die sich doch so verändernden Personen und die Sichtweise auf sie läßt den Zuschauer nicht kalt – man sympathisiert und mißbilligt gleichzeitig, etwa, wenn einem gegen Ende hin des Feldherrn Machenschaften klar scheinen.

Ja, der Feldherr … Gert Voss ist ein stolzer, ganz und gar von der Redlichkeit seines Tuns überzeugter Fels in der Brandung. Selbst in der grandiosen Szene mit seiner Schwägerin, der Gräfin Terzky (fabelhaft: Petra Moré), die ihn schlussendlich doch vom eigenen Scheitern zu überzeugen schafft, bleibt er seinen Idealen treu und wankt nicht. Wallenstein in Gert Voss‘ Deutung bleibt einem in Erinnerung als einer, der zur falschen Zeit am falschen Ort.

Die kleinen menschlichen Episoden, wie etwa die Familienszene mit seiner Frau (Kitty Speiser) rund um die Verliebtheit seiner Tochter (Pauline Knof) mit dem jungen Piccolomini, sind in dieser Darstellung weder peinlich noch für den Zusammenhang unbedeutend – im Gegenteil: Man wird sich darin sicher, dass Gert Voss‘ Wallenstein noch viele Facetten mehr hat als die, die er uns auf der Bühne zeigt.

Weitere Termine sind der 16. Februar sowie der 16. und der 23. März. Mindestens einen davon darf man nicht versäumen – und hoffen, dass demnächst im Burgtheater wieder mehr auf solche Stärken gesetzt wird: nur die besten Stücke in guten Inszenierungen und mit den besten Schauspielern, die zu finden möglich sind.

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