Rücktrittsrede als Intendant des Klassik Musikfest Mühlviertel

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann,
lieber Josef,
liebes Kulturwerkstatt-Team,
liebe Musiker,
sehr geehrte Damen und Herren!

Martin Rummel
(c) Erich Pröll

Zum sechsten Mal stehe ich nun hier und freue mich, dass wir das Klassik Musikfest Mühlviertel eröffnen.

Ich begrüße besonders die Musiker, die nach Oberösterreich gekommen sind, und ich danke Euch von Herzen, dass Ihr bei uns seid.

À propos Oberösterreich: „Kulturland Oberösterreich“ steht überall zu lesen. Wodurch aber verdienen wir diesen Begriff, und was bedeutet er?

Kultur (zu lateinisch cultura „Bearbeitung, Pflege, Ackerbau“, von colere „wohnen, pflegen, verehren, den Acker bestellen“) ist im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt.

Als „Kulturlandschaft“ bezeichnet man gemeinhin eine durch die Wirtschaftsweise des Menschen stark geprägte Landschaft. Da nun mehr oder minder ganz Mitteleuropa eine Kulturlandschaft im wissenschaftlichen Sinn ist, bräuchte man dafür eigentlich kein eigenes Logo. Also reden wir hier wohl nicht über Ackerbau, Viehzucht, Forstwirtschaft, Landschaftsregulierung, Straßenbau, Schulen, Kirchen, Klöster, Sportstätten und alle anderen zivilisatorischen Errungenschaften, die mit öffentlichen Geldern finanziert werden.

Seltsam eigentlich, denn alle diese Errungenschaften unterscheiden uns vom Tier, und dass wir sie mit gemeinschaftlichen Finanzmitteln erhalten, erscheint uns allen selbstverständlich. Das ist die wahre Bedeutung des Begriffes „Kultur“.

Und dann gibt es den immer wieder erstaunlichen Begriff der „Kultursubvention“, von dem im Zusammenhang mit den vorgenannten zivilisatorischen Selbstverständlichkeiten niemand spricht. In Wahrheit aber, meine sehr geehrten Damen und Herren, sind die gemeinschaftlichen Gelder, die in unser tägliches Leben mit Krankenhäusern, Schulen, Altersheimen, Kindergärten und Sportstätten fließen, Kultursubventionen für unsere Lebenskultur.

Das „Kulturland Oberösterreich“ rühmt sich mit diesem Logo aber nicht seiner gut gepflegten Kinderspielplätze – obwohl es dazu wahrscheinlich auch allen Grund hätte –, sondern mit Ereignissen wie unserem wunderbaren Fest hier. Der Begriff „Kultur“ ist also von den zivilisatorischen Errungenschaften verrutscht zu künstlerischen Ereignissen, die man anscheinend nicht genauso selbstverständlich findet wie Kinderspielplätze und daher nicht einfach erhalten, sondern „subventionieren“ muss.

Das lateinische Wort „subvenire“ heißt „zu Hilfe kommen“. Warum muss man künstlerischen Ereignissen zu Hilfe kommen – und Krankenhäuser „erhalten“?

Diese Einschätzung ist meiner Ansicht nach bedrohlich.

„Kultur“ im Sinne von „Kunst“ ist nämlich kein Luxusgut, sondern die Grundlage für ein zivilisiertes Miteinander, die Basis für ein dialogisches und humanistisches Zusammenleben. Nur wenn Kultur im weiteren beziehungsweise Kunst im engeren Sinne und somit der Respekt vor der Unterscheidung zum Tier gepflegt werden, ist der Mensch wirklich Mensch und ein Staat überlebensfähig. Wo es hinführt, wenn sich die Menschen ihrem Kulturland nicht mehr verbunden fühlen, sehen wir derzeit in Griechenland, einst Wiege der Zivilisation.

Denn: Eine „Subvention“ für Kunst ist keine gnadenvoll lebenserhaltende Maßnahme für ein vermeintliches oder gar überflüssiges Luxusgut. Vielmehr ist es eine Notwendigkeit, dass in allen Bereichen, in denen die öffentliche Hand selbstverständlich den Leistungen zum Wohl des Einzelnen zu Hilfe kommt, diese Hilfestellung auch geboten werden kann.

Um so mehr muss jeder Geldgeber unterscheiden, welche lebenserhaltenden Maßnahmen für kulturelles Leben auch nachhaltig sind. Es ist nicht einzusehen, dass die Verpflichtung zur Erhaltung von sozialen Kulturerrungenschaften ganz selbstverständlich auch über Steuern, Sozialbeiträge und sonstige gerecht verteilte Abgaben finanziert wird und in viel zu wenigen Bereichen auch zum eigenen Vorteil des Gebers geltend gemacht werden kann, Kunst hingegen zwar von allen konsumiert, aber von niemandem finanziert werden will. Das betrifft kleine Theater und Museen, Pop und Jazz ebenso wie Unternehmungen wie unsere hier. Es kann nicht angehen, dass die öffentliche Hand alleine die Kunst am Leben erhalten muss, wenn gleichzeitig die Spende an das Rote Kreuz steuerlich absetzbar ist. Eine Gesellschaft, die sich an Shakespeare, Picasso, Mozart oder den Comedian Harmonists erfreut, pflegt nämlich auch ihre Alten und Kranken – und setzt sie nicht in der Wildnis aus. Dieser Zusammenhang ist es, der ein Kulturland ausmacht.

Heutzutage gibt es nicht nur in Österreich aus meiner Sicht ein „Frontalangebot“ von kulturellen Ereignissen, die auch ein gewisses Schaulaufen von Reich und Schön und andere Oberflächlichkeiten mit sich bringen und deren inhaltliche Relevanz mal größer und mal kleiner ist – je nach Fähigkeiten der jeweiligen Verantwortlichen.

Daneben gibt es bedauerlicherweise auch irrelevante Ereignisse, die aus schwer nachzuvollziehenden Gründen am Leben erhalten werden, und sei es nur, weil ein Verantwortlicher über Freunde an den richtigen Stellen verfügt, Wähler nicht vergrault werden dürfen oder aus Eitelkeit temporäre Denkmäler gesetzt werden müssen. In Zeiten wie diesen, in denen das goldene Füllhorn nicht mehr unerschöpflich ist, wäre es an der Zeit, behutsam und mit Sachverstand daran zu gehen, diese Ereignisse zu identifizieren. Im Zuge einer solchen Identifikation könnte nämlich auch eine „Weiße Liste“ entstehen, die kulturbewussten Bürgern die Auswahl erleichtern könnte, wo sie sich denn finanziell oder mit sonstiger Hilfe beteiligen können, wenn sie zwar den Willen dazu, aber nicht genügend Sachverstand haben, um eine Auswahl zu treffen. Ähnlich dem Status der „Gemeinnützigkeit“ oder dem der caritativen Einrichtung könnte es eine Art empfehlendes Gütesiegel geben, das – da bin ich sicher – die Sponsoringbereitschaft besonders dann erhöhen würde, wenn es irgendeine Gegenleistung gäbe. Wieso kriege ich 400 Euro Cash vom Staat geradezu aufgedrängt, wenn ich mein Dieselauto mit einem Partikelfilter nachrüste, aber nicht einmal einen banalen Steuererlass, wenn ich 400 Euro für die Oberösterreichischen Stiftskonzerte spende? Von der „Abwrackprämie“ beim Neuwagenkauf im benachbarten Ausland wage ich gar nicht zu sprechen: Grenzt das nicht an „Neuigkeiten aus Absurdistan“, wenn man gleichzeitig den Musikunterricht in den Schulen streicht? Das, meine Damen und Herren, ist gelebtes Abwracken, ganz ohne Prämie.

Es gibt nämlich bedauerlicherweise – um auf das Gütesiegel zurückzukommen – eine große Zahl an erstaunlichen Initiativen, die kein „Frontalunterricht“ sind, sondern zwischenmenschliche Sensationen, die unter dem Radar bleiben und somit den Sprung in eine gesicherte Existenz nicht schaffen, obwohl die inneren und äußeren Gegebenheiten dafür und die Akzeptanz geradezu himmelschreiend existent wären. Zu diesen zähle ich unbescheidenerweise unser Fest hier, für das ich mit den besonderen Menschen der Kultur-Werkstatt-Schnopfhagen und dank der Großzügigkeit von einigen wenigen Idealisten in den letzten sechs Jahren verantwortlich sein durfte. Hier ist eine ganze Gemeinde Kulturland: Ein Miteinander und Dialog jenseits aller vermeintlichen Schwellen, inzwischen mit internationalem Standing. Die statistischen Daten der sechs Festivaljahre können Sie dem heurigen „Buch zum Fest“ entnehmen.

Ich habe seit mehreren Jahren wiederholt und auch öffentlich gesagt, dass wir, um eine nachhaltige Existenz des Klassik Musikfest Mühlviertel zu sichern, neben der öffentlichen Hand Partner brauchen, die die Wichtigkeit des Ereignisses anerkennen und uns dabei helfen, den Kräfteverzehr der verantwortlichen Personen mittelfristig in ein zunehmend vertretbares Maß zu bringen. Offensichtlich habe ich aber entweder – man verzeihe es dem leidenschaftlichen Intendanten dieses Festes – eben diese Wichtigkeit des Ereignisses oder meine eigenen Kräfte, für diese Entlastung zu sorgen, überschätzt.

Ich habe also diesen so essenziellen Schritt nicht geschafft und musste auch für 2012 wieder viel zu viele uns wohlgesonnene Menschen um beinahe unbescheidene Gefallen bitten. Ich konnte es trotz wiederholter Hilferufe, vieler vergeblicher Besuche, unbeantworteter Briefe und Emails meinen Freunden hier in Oberneukirchen nicht ersparen, um teilweise zweistellige Kleinstbeträge zu betteln, ohne die zum Beispiel die Klaviermiete nicht bezahlt werden könnte, die dank Idealismus von Bruno Weinberger übrigens niedriger ist als bei vergleichsweisen Veranstaltungen die Kosten für den Lotsendienst auf dem Parkplatz. Es gibt für mich daher nur eine einzige Konsequenz: Ich trete mit dem Ende dieses Festes am Samstagabend als Intendant des Klassik Musikfest Mühlviertel zurück.

Das Team der Kultur-Werkstatt-Schnopfhagen hat  daraus abgeleitet, dass mit diesem meinem Rücktritt das Klassik Musikfest Mühlviertel 2012 das letzte seiner Art ist.

Lieber Josef Ehrenmüller, liebes Kultur-Werkstatt-Team: Ich danke Euch für diese Loyalität und für sechs wunderbare Jahre. Oberneukirchen wird einen besonderen Platz in meinem Leben behalten, und ich bin sicher, dass unser gemeinsamer menschlicher und kultureller Weg hier nicht endet.

Ich wünsche mir für das Kulturland Oberösterreich und seine Vertreter, dass sie den Mut haben, über die Orte, die mit Menschen wie Christine Gasselseder und ihrem Team gesegnet sind, das sagen, was ich selbst hemmungslos sage. Vor allem aber sage ich das nicht nur, wenn ich vor den Menschen stehe, über die ich spreche, sondern besonders dann, wenn diese Menschen nicht bei mir sind: Ich bin stolz, ein Österreicher mit einer starken Verbindung nach Oberösterreich und insbesondere nach Oberneukirchen zu sein. Ich bin stolz, Teil dieser Gemeinschaft und dessen gewesen zu sein, was hier kulturell und somit zwischenmenschlich erreicht wurde und hoffentlich weiter erreicht werden wird.

Und ich wünsche mir, dass man in Hinkunft mutig genug ist, starke Entscheidungen zu fällen. Nicht nur mein Stolz endet nämlich, wo Kultur erzwungen wird, die an den Herzenswünschen ihrer Menschen vorbeigeht oder an den Herzenswünschen derer, die Kultur tragen oder umsetzen müssen. Leider fallen mir auch dafür Beispiele ein.

Letztes Jahr habe ich hier über den Heimatbegriff gesprochen. Es gilt für mich nach wie vor und mehr denn je: Hier, bei meinen Freunden in Oberneukirchen, bei einem wunderbaren Publikum und mit der Aussicht, jetzt noch vier Konzerte mit Werken des göttlichsten aller Komponisten spielen zu dürfen, hier ist meine Heimat. Und sie wird es auch nach morgen abend bleiben, wenn das Klassik Musikfest Mühlviertel nur noch eine Erinnerung ist.

Jeder Augenblick, den ich verliehre,
ist auf ewig verlohren.
Und wenn ich je gewust habe,
wie kostbar die Zeit für die Jugend ist,
so weis ich es itzt.
(Mozarts Vater an Hagenauer)

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