bach (re)inventions – the making of

Nun also – mal wieder – Bach bei paladino. Anderthalb Tage haben Eric Lamb und ich in Schloss Weinberg zugebracht, um unser Album „bach (re)inventions vol. 1“ aufzunehmen. Es kommt für einen Flötisten und einen Cellisten selten vor, dass sie eine Klavier-CD machen … aber warum nicht? Pianisten spielen ja schließlich auch Beethoven-Symphonien. Die zweistimmigen Inventionen waren der Ausgangspunkt, und dazu kommen ein paar Stücke aus dem „Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach“, ein Präludium und eine Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier und verschiedene Einzelsätze aus Englischen und Französischen Suiten. Das alles ist aber nicht so rasend spannend und wird vor allem auch dem CD-Booklet zu entnehmen sein.

Was aber spannend war, war während der Vorbereitung das Hören verschiedener Aufnahmen der Inventionen. Drei sehr verschiedene sind sozusagen in die engere Wahl gekommen, die wir dann doch mehrfach gehört haben, eine auf dem Cembalo und zwei auf dem Klavier. Bob van Asperens Aufnahme auf dem Cembalo ist wahrscheinlich die „ernsthafteste“ von den dreien. Am erstaunlichsten waren die Unterschiede zwischen den dreien in der e-Moll-Invention, wo van Asperens eleganter, aber melancholischer Schwung dem romantischen Gestus der beiden Pianisten diametral gegenübersteht. Wir haben dann versucht, eine Mischung zu finden …

Ach ja, die Pianisten – natürlich András Schiffs inzwischen etwas in die Jahre gekommene Aufnahme, die besonders aufnahmetechnisch irgendwie nicht mehr so ganz überzeugt, auch wenn es für mich, weil es eben die erste Aufnahme war, die ich bewusst von diesen Stücken gehört habe, immer noch die vertrauteste ist. Seltsam romantisch kommt sie einem vor, wenn man van Asperen gerade davor gehört hat, obwohl „romantisch“ ja wirklich nicht das Attribut ist, das man András Schiff als Bach-Spieler leichtfertig zuschreiben würde. Und dann, man glaubt es kaum, hat uns wirklich sehr gut gefallen, was Evgeni Koroliov mit den Inventionen macht. Irgendwie ist das ganz toll und tiefgründig, auch wenn es da diese „bad ass“-Momente gibt, zum Beispiel in Nr. 8 und Nr. 15. He got rhythm, jedenfalls. Cool.

Wie diese Musik mit Flöte und Cello klingt? Das können Sie auf der CD hören … Alternativ kann ich nur empfehlen, sich einfach mal quer durch die Aufnahmen zu hören, von denen es weniger gibt als man bei so berühmten Stücken denken würde.

bach (re)inventions – the making of

Rücktrittsrede als Intendant des Klassik Musikfest Mühlviertel

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann,
lieber Josef,
liebes Kulturwerkstatt-Team,
liebe Musiker,
sehr geehrte Damen und Herren!

Martin Rummel
(c) Erich Pröll

Zum sechsten Mal stehe ich nun hier und freue mich, dass wir das Klassik Musikfest Mühlviertel eröffnen.

Ich begrüße besonders die Musiker, die nach Oberösterreich gekommen sind, und ich danke Euch von Herzen, dass Ihr bei uns seid.

À propos Oberösterreich: „Kulturland Oberösterreich“ steht überall zu lesen. Wodurch aber verdienen wir diesen Begriff, und was bedeutet er?

Kultur (zu lateinisch cultura „Bearbeitung, Pflege, Ackerbau“, von colere „wohnen, pflegen, verehren, den Acker bestellen“) ist im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt.

Als „Kulturlandschaft“ bezeichnet man gemeinhin eine durch die Wirtschaftsweise des Menschen stark geprägte Landschaft. Da nun mehr oder minder ganz Mitteleuropa eine Kulturlandschaft im wissenschaftlichen Sinn ist, bräuchte man dafür eigentlich kein eigenes Logo. Also reden wir hier wohl nicht über Ackerbau, Viehzucht, Forstwirtschaft, Landschaftsregulierung, Straßenbau, Schulen, Kirchen, Klöster, Sportstätten und alle anderen zivilisatorischen Errungenschaften, die mit öffentlichen Geldern finanziert werden.

Seltsam eigentlich, denn alle diese Errungenschaften unterscheiden uns vom Tier, und dass wir sie mit gemeinschaftlichen Finanzmitteln erhalten, erscheint uns allen selbstverständlich. Das ist die wahre Bedeutung des Begriffes „Kultur“.

Und dann gibt es den immer wieder erstaunlichen Begriff der „Kultursubvention“, von dem im Zusammenhang mit den vorgenannten zivilisatorischen Selbstverständlichkeiten niemand spricht. In Wahrheit aber, meine sehr geehrten Damen und Herren, sind die gemeinschaftlichen Gelder, die in unser tägliches Leben mit Krankenhäusern, Schulen, Altersheimen, Kindergärten und Sportstätten fließen, Kultursubventionen für unsere Lebenskultur.

Das „Kulturland Oberösterreich“ rühmt sich mit diesem Logo aber nicht seiner gut gepflegten Kinderspielplätze – obwohl es dazu wahrscheinlich auch allen Grund hätte –, sondern mit Ereignissen wie unserem wunderbaren Fest hier. Der Begriff „Kultur“ ist also von den zivilisatorischen Errungenschaften verrutscht zu künstlerischen Ereignissen, die man anscheinend nicht genauso selbstverständlich findet wie Kinderspielplätze und daher nicht einfach erhalten, sondern „subventionieren“ muss.

Das lateinische Wort „subvenire“ heißt „zu Hilfe kommen“. Warum muss man künstlerischen Ereignissen zu Hilfe kommen – und Krankenhäuser „erhalten“?

Diese Einschätzung ist meiner Ansicht nach bedrohlich.

„Kultur“ im Sinne von „Kunst“ ist nämlich kein Luxusgut, sondern die Grundlage für ein zivilisiertes Miteinander, die Basis für ein dialogisches und humanistisches Zusammenleben. Nur wenn Kultur im weiteren beziehungsweise Kunst im engeren Sinne und somit der Respekt vor der Unterscheidung zum Tier gepflegt werden, ist der Mensch wirklich Mensch und ein Staat überlebensfähig. Wo es hinführt, wenn sich die Menschen ihrem Kulturland nicht mehr verbunden fühlen, sehen wir derzeit in Griechenland, einst Wiege der Zivilisation.

Denn: Eine „Subvention“ für Kunst ist keine gnadenvoll lebenserhaltende Maßnahme für ein vermeintliches oder gar überflüssiges Luxusgut. Vielmehr ist es eine Notwendigkeit, dass in allen Bereichen, in denen die öffentliche Hand selbstverständlich den Leistungen zum Wohl des Einzelnen zu Hilfe kommt, diese Hilfestellung auch geboten werden kann.

Um so mehr muss jeder Geldgeber unterscheiden, welche lebenserhaltenden Maßnahmen für kulturelles Leben auch nachhaltig sind. Es ist nicht einzusehen, dass die Verpflichtung zur Erhaltung von sozialen Kulturerrungenschaften ganz selbstverständlich auch über Steuern, Sozialbeiträge und sonstige gerecht verteilte Abgaben finanziert wird und in viel zu wenigen Bereichen auch zum eigenen Vorteil des Gebers geltend gemacht werden kann, Kunst hingegen zwar von allen konsumiert, aber von niemandem finanziert werden will. Das betrifft kleine Theater und Museen, Pop und Jazz ebenso wie Unternehmungen wie unsere hier. Es kann nicht angehen, dass die öffentliche Hand alleine die Kunst am Leben erhalten muss, wenn gleichzeitig die Spende an das Rote Kreuz steuerlich absetzbar ist. Eine Gesellschaft, die sich an Shakespeare, Picasso, Mozart oder den Comedian Harmonists erfreut, pflegt nämlich auch ihre Alten und Kranken – und setzt sie nicht in der Wildnis aus. Dieser Zusammenhang ist es, der ein Kulturland ausmacht.

Heutzutage gibt es nicht nur in Österreich aus meiner Sicht ein „Frontalangebot“ von kulturellen Ereignissen, die auch ein gewisses Schaulaufen von Reich und Schön und andere Oberflächlichkeiten mit sich bringen und deren inhaltliche Relevanz mal größer und mal kleiner ist – je nach Fähigkeiten der jeweiligen Verantwortlichen.

Daneben gibt es bedauerlicherweise auch irrelevante Ereignisse, die aus schwer nachzuvollziehenden Gründen am Leben erhalten werden, und sei es nur, weil ein Verantwortlicher über Freunde an den richtigen Stellen verfügt, Wähler nicht vergrault werden dürfen oder aus Eitelkeit temporäre Denkmäler gesetzt werden müssen. In Zeiten wie diesen, in denen das goldene Füllhorn nicht mehr unerschöpflich ist, wäre es an der Zeit, behutsam und mit Sachverstand daran zu gehen, diese Ereignisse zu identifizieren. Im Zuge einer solchen Identifikation könnte nämlich auch eine „Weiße Liste“ entstehen, die kulturbewussten Bürgern die Auswahl erleichtern könnte, wo sie sich denn finanziell oder mit sonstiger Hilfe beteiligen können, wenn sie zwar den Willen dazu, aber nicht genügend Sachverstand haben, um eine Auswahl zu treffen. Ähnlich dem Status der „Gemeinnützigkeit“ oder dem der caritativen Einrichtung könnte es eine Art empfehlendes Gütesiegel geben, das – da bin ich sicher – die Sponsoringbereitschaft besonders dann erhöhen würde, wenn es irgendeine Gegenleistung gäbe. Wieso kriege ich 400 Euro Cash vom Staat geradezu aufgedrängt, wenn ich mein Dieselauto mit einem Partikelfilter nachrüste, aber nicht einmal einen banalen Steuererlass, wenn ich 400 Euro für die Oberösterreichischen Stiftskonzerte spende? Von der „Abwrackprämie“ beim Neuwagenkauf im benachbarten Ausland wage ich gar nicht zu sprechen: Grenzt das nicht an „Neuigkeiten aus Absurdistan“, wenn man gleichzeitig den Musikunterricht in den Schulen streicht? Das, meine Damen und Herren, ist gelebtes Abwracken, ganz ohne Prämie.

Es gibt nämlich bedauerlicherweise – um auf das Gütesiegel zurückzukommen – eine große Zahl an erstaunlichen Initiativen, die kein „Frontalunterricht“ sind, sondern zwischenmenschliche Sensationen, die unter dem Radar bleiben und somit den Sprung in eine gesicherte Existenz nicht schaffen, obwohl die inneren und äußeren Gegebenheiten dafür und die Akzeptanz geradezu himmelschreiend existent wären. Zu diesen zähle ich unbescheidenerweise unser Fest hier, für das ich mit den besonderen Menschen der Kultur-Werkstatt-Schnopfhagen und dank der Großzügigkeit von einigen wenigen Idealisten in den letzten sechs Jahren verantwortlich sein durfte. Hier ist eine ganze Gemeinde Kulturland: Ein Miteinander und Dialog jenseits aller vermeintlichen Schwellen, inzwischen mit internationalem Standing. Die statistischen Daten der sechs Festivaljahre können Sie dem heurigen „Buch zum Fest“ entnehmen.

Ich habe seit mehreren Jahren wiederholt und auch öffentlich gesagt, dass wir, um eine nachhaltige Existenz des Klassik Musikfest Mühlviertel zu sichern, neben der öffentlichen Hand Partner brauchen, die die Wichtigkeit des Ereignisses anerkennen und uns dabei helfen, den Kräfteverzehr der verantwortlichen Personen mittelfristig in ein zunehmend vertretbares Maß zu bringen. Offensichtlich habe ich aber entweder – man verzeihe es dem leidenschaftlichen Intendanten dieses Festes – eben diese Wichtigkeit des Ereignisses oder meine eigenen Kräfte, für diese Entlastung zu sorgen, überschätzt.

Ich habe also diesen so essenziellen Schritt nicht geschafft und musste auch für 2012 wieder viel zu viele uns wohlgesonnene Menschen um beinahe unbescheidene Gefallen bitten. Ich konnte es trotz wiederholter Hilferufe, vieler vergeblicher Besuche, unbeantworteter Briefe und Emails meinen Freunden hier in Oberneukirchen nicht ersparen, um teilweise zweistellige Kleinstbeträge zu betteln, ohne die zum Beispiel die Klaviermiete nicht bezahlt werden könnte, die dank Idealismus von Bruno Weinberger übrigens niedriger ist als bei vergleichsweisen Veranstaltungen die Kosten für den Lotsendienst auf dem Parkplatz. Es gibt für mich daher nur eine einzige Konsequenz: Ich trete mit dem Ende dieses Festes am Samstagabend als Intendant des Klassik Musikfest Mühlviertel zurück.

Das Team der Kultur-Werkstatt-Schnopfhagen hat  daraus abgeleitet, dass mit diesem meinem Rücktritt das Klassik Musikfest Mühlviertel 2012 das letzte seiner Art ist.

Lieber Josef Ehrenmüller, liebes Kultur-Werkstatt-Team: Ich danke Euch für diese Loyalität und für sechs wunderbare Jahre. Oberneukirchen wird einen besonderen Platz in meinem Leben behalten, und ich bin sicher, dass unser gemeinsamer menschlicher und kultureller Weg hier nicht endet.

Ich wünsche mir für das Kulturland Oberösterreich und seine Vertreter, dass sie den Mut haben, über die Orte, die mit Menschen wie Christine Gasselseder und ihrem Team gesegnet sind, das sagen, was ich selbst hemmungslos sage. Vor allem aber sage ich das nicht nur, wenn ich vor den Menschen stehe, über die ich spreche, sondern besonders dann, wenn diese Menschen nicht bei mir sind: Ich bin stolz, ein Österreicher mit einer starken Verbindung nach Oberösterreich und insbesondere nach Oberneukirchen zu sein. Ich bin stolz, Teil dieser Gemeinschaft und dessen gewesen zu sein, was hier kulturell und somit zwischenmenschlich erreicht wurde und hoffentlich weiter erreicht werden wird.

Und ich wünsche mir, dass man in Hinkunft mutig genug ist, starke Entscheidungen zu fällen. Nicht nur mein Stolz endet nämlich, wo Kultur erzwungen wird, die an den Herzenswünschen ihrer Menschen vorbeigeht oder an den Herzenswünschen derer, die Kultur tragen oder umsetzen müssen. Leider fallen mir auch dafür Beispiele ein.

Letztes Jahr habe ich hier über den Heimatbegriff gesprochen. Es gilt für mich nach wie vor und mehr denn je: Hier, bei meinen Freunden in Oberneukirchen, bei einem wunderbaren Publikum und mit der Aussicht, jetzt noch vier Konzerte mit Werken des göttlichsten aller Komponisten spielen zu dürfen, hier ist meine Heimat. Und sie wird es auch nach morgen abend bleiben, wenn das Klassik Musikfest Mühlviertel nur noch eine Erinnerung ist.

Jeder Augenblick, den ich verliehre,
ist auf ewig verlohren.
Und wenn ich je gewust habe,
wie kostbar die Zeit für die Jugend ist,
so weis ich es itzt.
(Mozarts Vater an Hagenauer)

Artikel der OÖ Nachrichten, 16. Juli 2012 – Die Rede ist im vollständigen Text herunterzuladen.

Rücktrittsrede als Intendant des Klassik Musikfest Mühlviertel

Gruselchenkabinettchen

„LÅT DEN RÄTTE KOMMA IN“ bei der Viennale

lettherightoneinpicTomas Alfredsons Vampirfilm wird OmU (englisch) geboten, was einmal mehr mein Faible für Originalfassungen bestärkt, wenngleich die Untertitel manchmal ein etwas seltsames Englisch bedeuten. Aber immerhin hat man einen Eindruck der Stimme zum Gesicht – und darum geht es ja.

Obwohl ganz neu (2008) wird uns 114 Minuten lang suggeriert, wir befänden uns in den auslaufenden 1970er Jahren. Ein ganz normaler schwächlicher Zwölfjähriger (Kare Hedebrand), Opfer von Bullying und Scheidungskind – hier werden für meinen Geschmack ein paar zu viele Klischees bedient – verliebt sich in das gleichaltrige Nachbarsmädchen (hinreißend: Lina Leandersson; wann haben wir zuletzt bei einem Kind so schöne Augen gesehen?). Bedauerlicherweise ist jenes Mädchen ein Vampir, und demzufolge ist die Liebe etwas problematisch. Also: Am Ende siegt der Schwache über die vermeintlich Starken, und die Liebe über den zeitweise unausweichlich scheinenden Tod. Wie immer.

Dennoch: Einerseits werden Klischees bedient und Verdopplungen von Effekten eingesetzt, beispielsweise besonders auffallende Musik- oder Soundeffekte bei entscheidenden Szenen (manchmal ist es fast bedrückend still in diesem Film). Andererseits aber schafft dieses Kammerspiel etwas, was bei fast zwei Stunden rund um Mitternacht schon eine Kunst ist: Man bleibt dabei. Längen sind nicht langweilig, und in gewisser Weise ist man doch gefesselt (ob mit der Faszination des Voyeurs oder durch die Handlung ist mir immer noch nicht klar).

Erinnernd an Aki Kaurismäkis seltsame Geschichten werden hier ein paar sehr schöne Bildeffekte (etwa die Überblendungen des Anfangs oder die gar zu nahen Nahaufnahmen mit verschwommenem Hintergrund) fast zu Tode geritten, wohingegen manchmal geradezu schmerzvoll gespart wird. Meine Empfehlung also: Wenn Sie die Chance bekommen, diesen Film zu sehen, nutzen Sie sie. Lena Leanderssons Darstellung des von den Gefühlen zerrissenen Vampirs ist meiner Meinung nach weit über den durchschnittlich gebotenen Leistungen von Schauspielern im Kindesalter.

Gruselchenkabinettchen

Geglückt – Kusej inszeniert Nestroy: „Höllenangst“

NestroyUnd noch ein Beweis dafür, dass Regietheater nicht gleich Regietheater ist. Wieder haben
wir es – wie zuletzt im Fall des Wallenstein – mit einem Großen zu tun, nicht einem, der Kostümbildnerinnen nach der Farbe ihrer Fingernägel beurteilt und deswegen bisweilen sogar entlässt, wie laut Gerücht jüngst vorgekommen. Hier also ist es Martin Kusej, der in einer Koproduktion mit den Salzburger Feststpielen Nestroys „Höllenangst“ für das Burgtheater inszeniert hat.

Die Bühne ist – bis auf eine sehr intelligente Kontruktion mit vielen Türen – leer, und einmal mehr wird ohne Requisiten (die Koffer im letzten Bild ausgenommen) gespielt. Martin Kusej aber versteht es, seine grandiosen Schauspieler (allen voran Nicholas Ofczarek und Joachim Meyerhoff) zu führen, hält die Spannung einen ganzen Abend lang und hat darüber hinaus noch ein paar wirklich hübsche Regie-Einfälle. Ofczarek gibt eine Otto-Schenk-Parodie, die nicht ganz unbeabsichtigt sein kann, und Joachim Meyerhoff (sehr rheinisch wieder mal) liefert eine köstliche Darstellung des als Beelzebub verkannten Oberrichters.

Lediglich die Zwischenmusiken, die die Couplets ersetzen, sind unmotiviert und unpassend. Natürlich würde das Stück ohne solche Einlagen womöglich zu dicht, aber es muss eine andere Form der Auflockerung geben als diesen Unfug. Ein so zeitgebundenes Stück wie dieses, mit einem heute als passé geltenden Thema (dem Verkauf der Seele an den Teufel) kann man sicher nur gnadenlos vom Biedermeier loslösen, wie hier grandios geschehen, oder eben als verzopfte Histörchenkomödie nachspielen. Alle halbherzigen Versuche in die eine oder die andere Richtung sind zum Scheitern verurteilt.

Am 1. Mai gibt es die vorläufig letzte Gelegenheit zum Besuch im Burgtheater – unbedingt anzuraten!

Geglückt – Kusej inszeniert Nestroy: „Höllenangst“

Ich kenne meine Pappenheimer

Gert Voss ist Albrecht Wallenstein

Aus der Wallenstein-Trilogie (Wallensteins Lager, Die Piccolomini, Wallensteins Tod) hat man für diesen Burgtheaterabend ein rund dreieinhalbstündiges Theaterstück gemacht. Nun ist man derlei Vorgängen im Burgtheater gegenüber inzwischen sehr skeptisch, aber in diesem Fall ist diese Kürzung virtuos geglückt – und das, ohne zusätzliche Figuren zu erfinden oder einen Erzähler einzubauen, wie wir es auch schon schmerzlich sehen mussten.

Gert VossGanz und gar nicht: Unter der Regie von Thomas Langhoff spielt man hier das Stück und verlässt sich auf des alten Schiller Sprachgewalt und Theaterkunst. Die Menschen stehen im Vordergrund, und das trotz eines wirklich aufwendigen Bühnenbilds (Bernhard Kleber), das dem Regisseur unbeschränkte Möglichkeiten bietet. Und so werden Auf- und Abtritte wirklich wieder zu Ereignissen, und man erahnt wieder, wo welche Szene spielt. Auch menschliche Dekoration ist nicht mehr tabu – das Feldherrenquartier hat kein absurdes Symbol einer Wache vor der Tür, sondern es stehen, man faßt es kaum, zwei Soldaten vor der Tür. All diese Tatsachen erlauben dem Zuschauer auch, sich ganz auf das sprachliche und menschliche Geschehen auf der Bühne zu konzentrieren – ist das nicht der eigentliche Sinn eines solchen Abends? Man hätte es gerade im Burgtheater in letzter Zeit schon fast vergessen können.

Da es sich unbestrittenermaßen um einen der größten Dramatiker handelt, sei hier also nur das menschliche Geschehen behandelt. Peter Matic als Questenberg scheint direkt vom Ballhausplatz ins Burgtheater zu kommen; welch wunderbare Darstellung eines Dieners der Bürokratie! Heinrich Schweiger, Ignaz Kirchner, Johannes Krisch und Franz J. Csencsits sind die Generäle Wallensteins, denen das Vertrauen in ihren Feldherrn abhanden kommt – man nimmt es ihnen ab. Der Vater-Sohn-Konflikt der Piccolominis wird von Dieter Mann und Christian Nickel so dargestellt, dass man als Zuschauer nicht weiß, wem man die größere Sympathie entgegenbringen soll; zuviel haben beide Standpunkte jeweils für sich.

Überhaupt ist das die große Kunst des Stücks und seiner Schauspieler: Die sich doch so verändernden Personen und die Sichtweise auf sie läßt den Zuschauer nicht kalt – man sympathisiert und mißbilligt gleichzeitig, etwa, wenn einem gegen Ende hin des Feldherrn Machenschaften klar scheinen.

Ja, der Feldherr … Gert Voss ist ein stolzer, ganz und gar von der Redlichkeit seines Tuns überzeugter Fels in der Brandung. Selbst in der grandiosen Szene mit seiner Schwägerin, der Gräfin Terzky (fabelhaft: Petra Moré), die ihn schlussendlich doch vom eigenen Scheitern zu überzeugen schafft, bleibt er seinen Idealen treu und wankt nicht. Wallenstein in Gert Voss‘ Deutung bleibt einem in Erinnerung als einer, der zur falschen Zeit am falschen Ort.

Die kleinen menschlichen Episoden, wie etwa die Familienszene mit seiner Frau (Kitty Speiser) rund um die Verliebtheit seiner Tochter (Pauline Knof) mit dem jungen Piccolomini, sind in dieser Darstellung weder peinlich noch für den Zusammenhang unbedeutend – im Gegenteil: Man wird sich darin sicher, dass Gert Voss‘ Wallenstein noch viele Facetten mehr hat als die, die er uns auf der Bühne zeigt.

Weitere Termine sind der 16. Februar sowie der 16. und der 23. März. Mindestens einen davon darf man nicht versäumen – und hoffen, dass demnächst im Burgtheater wieder mehr auf solche Stärken gesetzt wird: nur die besten Stücke in guten Inszenierungen und mit den besten Schauspielern, die zu finden möglich sind.

Ich kenne meine Pappenheimer

Rrrrrrrr!

(c) DECCA

Sie gurgelt und sie gluckst, sie jubiliert und sie seufzt, sie flirtet und sie schäkert, sie trillert und sie weint, sie lacht und sie jauchzt, sie betört und sie verstört, sie verzaubert und sie verführt, sie tanzt und sie singt.

All das tut la Bartoli auf ihrer neuen CD, und noch mehr kommt es zur Geltung, sieht und hört man sie auf der Bühne mit diesem, so sehr ihrem Programm. Ada Pesch und das Orchester „La Scintilla“ der Oper Zürich bieten eine Zusammenstellung aus frühromantischen Arien und Liedern, das zwar einst Maria Malibran auf den Leib geschneidert war, aber in einer Weise für die Bartoli gemacht zu sein scheint, dass es schon fast beängstigend ist.

Natürlich könnte man schreiben, dass sie eine „kleine“ Stimme hat – aber, bitte schön, was ist „klein“ in diesem Zusammenhang? Nicht geeignet für Wagner-Brüllerei? Das ist auch nicht der Zweck und nicht die Absicht. Für das, was Cecilia Bartoli tut, und dafür, was sie bisher so klug ausgewählt hat zu tun, reicht es und hat es allemal gereicht. Hier ist eine von den Göttern begnadete Sängerin am Werk, die an einem ganzen, hoch- und höchstvirtuosen Abend weniger unsaubere Töne singt (genaugenommen waren es zwei, an die ich mich erinnere bemerkt zu haben) als manche als „Primadonna“ umjubelte Kollegin in einer einzigen Arie aus diesem Programm. Dazu hat diese Sängerin eine Bühnenpräsenz und einen Charme, der jeden Musikliebhaber, so er wirklich die Musik liebhat und auch nur einem Funken Herz besitzt, in überwältigender Weise gefangennimmt, und nicht erst, wenn das – vom Fan ersehnte – „Rrrrr!“ im erst als Zugabe gegebenen Gustostückl von der Malibran selbst kommt.

Und jeder, der eine solche Ausnahmeerscheinung im anderen Sinn als „es gefällt mir nicht“ oder „es ist nicht meine Vorstellung von Gesang“ kritisieren zu müssen glaubt, ist entweder neidisch oder größenwahnsinnig. Ich jedenfalls war einmal mehr einer von über tausend Menschen, die nach einem solchen Live-Abend fassungslos staunend nicht wussten, wohin mit sich. Außer auf die eigenen Füße, um Cecilia Bartoli und dem ko-genialen Orchester (besonders hervorzuheben neben der sympathischen und souveränen Ada Pesch der Solocellist, die Bratschengruppe (!) und der Klarinettist) zuzujubeln.

Kaufen – hören – staunen!

Rrrrrrrr!

Es lebe der König

Gert Voss ist König Lear

Luc Bondy ist ein großer Regisseur, er traut sich, eine wunderbare Übersetzung in voller Länge zu spielen (ohne Fäkalsprache und bei Hausmeister Krause gelerntes Piefkenesisch) und findet das Maß, die unbarmherzige Grausamkeit dieses Stückes auf die Bühne zu bringen, ohne dass es auch nur eine Sekunde lang ordinär wird. Er schafft es, nicht sichtbare Dinge (etwa die große Schlacht am Ende) rein optisch zu suggerieren, ohne Figuren hinzuerfinden zu müssen, die in minderwertiger Sprache Kürzungen und regiehafte Einfallslosigkeit (diese Vokabel nur um nicht zu sagen: Unfähigkeit) rechtfertigen wollen. So wie in diesem König Lear sieht gut gemachtes Regietheater aus, und gegen dieses Regietheater wird niemand, der auch nur halbwegs bei Verstand ist, etwas einzuwenden haben.

LearGert Voss ist König Lear. Er spielt ihn nicht, er ist es. Voss, der vom Himmel begnadete, – nein: König Lear jagt dem Zuschauer so oft die Gänsehaut den Rücken hinunter, dass der Begriff „Zuschauer“ nicht mehr passt. Man ist Mitfühler, im besten Sinn des Wortes. Voss’/Lears Körper, seine Seele durchlebt dieses Schicksal, gestisch, mimisch, psychisch und physisch, bis hin zur Stimme. Nichts ist „gemacht“. Hier ist ein wahrer, echter, großer Künstler.

Alle anderen Schauspieler agieren auf dieses Genie ausgerichtet und auf höchstem Niveau (besonders hervorzuheben natürlich Martin Schwab als Graf von Gloucester und Birgit Minichmmayr als Narr). Die Stärken von Philipp Hauß und Christian Nickel als Gloucesters Söhne lernt man im Laufe des Stückes immer mehr schätzen. Die Kostüme von Rudy Sbounghi sind wirklich als solche zu bezeichnen: Ein klares, schlüssiges und berührendes visuelles Konzept ist zu sehen – und trotz physischem Dreck auf der Bühne (Richard Peduzzi) ist es niemals schmutzig. Selbst die Nacktheit des Edgar, minutenlang, ist nicht die so oft zu beklagende Pflichtnudität; nein, sie macht einem das Schicksal dieses armen Menschen um so eindringlicher bewusst.

Wenn am Ende Klaus Pohl als Graf von Kent die Worte spricht „Lasst ihn sterben! Das Leben wollte ihn schon lange nicht mehr“, nur Sekunden später gefolgt von „Es ist ein Wunder, dass er so lange durchgehalten hat“, bleibt die Zeit stehen.

Und so – so! – lässt sich ein Stück ohne Vorhang beenden: „Das Rad hat sich einmal ganz gedreht“, heißt es vorher bei Edmund, Gloucesters Bastard. Analog zum ersten, scheinbar fröhlichen Beisammensein von König Lear und seinen Töchtern, werden nun die Leichen dieser verfluchten Familie am Bühnenrand der Trauer anheimgelegt, mit unbarmherzig weißem Licht im ansonsten dunklen Theater beleuchtet.

Weltklasse. Warum nur so selten in diesem unserem einstmalig unbestritten zur Weltklasse zählenden Theater?

3Sat und ARTE haben heute aufgezeichnet – suchen Sie in der Programmzeitschrift. Oder, noch viel besser: Gehen Sie hin! Am 1., 3. oder 4. November. Wenn Sie das nicht tun, ist Ihnen etwas entgangen, dessen Versäumen Ihnen leid tun soll.

Es lebe der König

Sein oder nicht sein

Shakespeares „Viel Lärm um Nichts“ im Burgtheater

Immer öfter muss man sich leider bei Klassikerübersetzungen diese Frage stellen, wenngleich auch nicht im Shakespeareschen Sinne. Sein Stück ist das, was das Burgtheater da auf die Bühne bringt, ganz sicher nicht. So sehr nicht sein, dass der Übersetzer/Kürzer/Verstümmler sich nicht traut, namentlich im Programmheft genannt zu werden, und so steht einfach „Deutsche Fassung Burgtheater“ da. Und deutsch ist es, ganz und gar.

Viel Lärm um NichtsEinerseits hat Jan Bosse (Jahrgang 1969), der seit 1998 an international renommierten Häusern und 2008 in Basel erstmals mit Monteverdis „Orfeo“ eine Oper inszeniert, offenbar die Brechtschen Grundsätze immer noch nicht als passé verarbeitet, und andererseits wird ein Bühnenbild geboten, das ab der Mitte des Stücks an den ZDF-Fernsehgarten erinnert: Die zweite Hälfte des Rumpfes, der in der Zwei-Stunden-Fassung von Shakespeares fünf Akten noch übrig bleibt, spielt in der Kulisse einer Südseeinsel à la Fernsehshow (Rollrasen, Plastikpalme, Sand und Planschbecken). Hinzu kommt, dass Nikolaus Ofczarek als Don Pedro in einer Kostümage steckt, die dem echten Florian Silbereisen bedenklich nahekommt. Davor wird eine Persiflage auf ein schlechtes Fernsehballett (lauter Weiße in Urwald-Baströckchen, die zu afrikanischem Getrommle herumhüpfen – ich lach’ mich tot!) geboten.

Dazu sind es überwiegend deutsche Schauspieler, deren sprachliche Herkunft auch noch durch die leidige „Übersetzung“ verstärkt wird. Natürlich kommen haufenweise „Arschlöcher“, „Huren“ und sogar Ausflüge in Richtung „boah ey krass mann“ vor, und der Versuch, die wunderbar hintergründigen Pointen Shakespeares zu übersetzen, wird gar nicht unternommen. Der im Regietheater offensichtlich ja obligate nackte Po ist auch drin … En tout ist es eine Nacherzählung der Shakespeareschen Handlung, so wie sie ein halbwegs betamter deutscher Mittelschulprofessor für seine Schultheatergruppe, bestehend aus pubertären 16jährigen, auch fabrizieren hätte können. Dementsprechend hat sich auch die Gruppe von entsprechenden Schülern, vor der ich zu sitzen kam, köstlich amüsiert. Wenn das die Zielgruppe war, ist das Experiment gelungen. Kurz: Es sind zwei Stunden Klamauk, überwiegend gut gemacht, auch schon mal platt, aber mit Shakespeare hat das so viel zu tun wie die Simpsons mit Oscar Wilde.

Nikolaus Ofczarek (Don Pedro), Joachim Meyerhoff (Benedict) und vor allem Christiane von Poelnitz als Beatrice spielen und sprechen grandios. Jan Bosse setzt leider mehr auf die Kunst des hemmungslosen Utrierens als Vertrauen in seine so wunderbaren Schauspieler, die sich daher mit diesem Klamauk (der auch nicht in diesem Haus sein muss!) gehörig unter Wert verkaufen müssen, denn hier geht es nur ums gekonnte Ulken.

Es scheint auch, dass zum Zeitpunkt der Inszenierung die Garderoben des Burgtheaters nicht mehr zur Verfügung standen, denn es wird sich auf der Hinterbühne umgezogen und neben der allbeherrschenden Tupperwareschüssel, die die Kulisse bildet, einfach darauf gewartet, bis man wieder dran ist. Während emsige Bühnenarbeiter den Rollrasen für die Südseeinsel ausrollen, wird von einem der Darsteller schnell erzählt, was in den ausgelassenen zwei Akten passiert. Ach so, und den Vorhang hat man auch gespart. Während das Publikum ins Theater kommt, wird aufgebaut, gehämmert und geschraubt, und irgendwann geht’s dann los. Am Ende ebenso – es ist einfach irgendwann aus, und eine der Schlusspointen kommt noch in den Applaus.

Zugegeben: Kurzweilig war es durchaus. Einmal. Neuigkeitswert: Null. Die zigste Regietheaterinszenierung, eine unter so vielen. Summa summarum hier nun die Empfehlung: Wer am 3. Oktober partout nichts Besseres zu tun weiß oder ohne Nachdenken lachen will, kann ja ins Burgtheater zur vorläufig letzten Vorstellung gehen. Man kann aber auch eine DVD ausleihen und zu Hause bleiben – jeder Billy-Wilder-Film hat mehr zu bieten.

Sein oder nicht sein

Drei Sekunden Ewigkeit – András Schiffs fünfte Beethoven-CD

Wieso maßt sich ein Irdischer an, über eine Götterkonferenz zu schreiben? Wahrscheinlich aus Neid, nicht dazuzugehören … András Schiff, Pianist, Musiker und Musikant, hat im Konzert bereits den gesamten Kosmos der Beethoven-Klaviersonaten durchschritten. In seinem Kopf und seinem Herzen sicher schon jahrzehntelang und immer wieder, aber nun lässt er uns daran zwiefach teilhaben: In den großen Konzertsälen der Welt und, dank dem CD-Label für Connaisseurs (Manfred Eichers ECM New Series), nun auch zu Hause. Die CD ist – wie immer – makellos aufgemacht, klingt fabelhaft (man hört sogar den Unterschied zwischen Bösendorfer und Steinway!) und ist einmal mehr mit einem wunderbaren Booklet ausgestattet, worin wieder Teile der Gespräche abgedruckt sind, die Martin Meyer mit András Schiff über diese Werke geführt hat. Wem selbst dieses Booklet noch zu wenig informativ ist, dem sei das inzwischen erschienene Buch ans Herz gelegt.

Interpretationsvergleiche von Werken scheinen mir vollkommen sinnlos. Man vergleicht ja auch nicht Picasso mit Dalí, selbst wenn es zufällig von beiden ein Bild mit demselben Titel geben sollte. Es ist schlichtweg nicht von Interesse, ob Kempff, Gulda, Annie Fischer oder Claudio Arrau einen Satz schneller oder langsamer spielen, nein, nicht einmal, ob sie ein bestimmtes sforzato stärker spielen als András Schiff oder nicht. Das ist, man verzeihe mir das derbe Wort, Klugscheißerei. Worüber es also zu berichten gilt, wenn sich ein Musiker vom Rang eines András Schiff dem Neuen Testament der Klavierliteratur nähert, ist lediglich, ob diese Näherung gelungen scheint.

Gleich vorweg: Sie scheint nicht nur gelungen, sie ist es. Natürlich, wie bei allen großen, ja beinahe übermenschlichen Musikanten, wie Schiff einer ist, ist das Resultat ein absolutes und persönliches zugleich. Natürlich könnte man ausführlich über seine Pedaltechnik sinnieren, inwieweit sie von seiner Kenntnis der Instrumente der Beethoven-Zeit beeinflusst ist. An vielen Stellen (so etwa besonders im ersten Satz von op. 31/2) fällt es zumindest auf, da man eine Hörgewohnheit hat. Ob es die richtige war, ist vollkommen fraglich. Natürlich könnte man darüber schreiben, dass er sich gelegentlich sehr freizügig über dynamische Anweisungen oder sforzati hinwegsetzt.

Doch all das zählt nicht. Jeder, der diese Begegnung zweier Titanen live miterlebt hat, weiß, warum. Es ist erklärt im Moment des Hörens, wenn man es wirklich schafft, die eigenen Ohren zu so öffnen, dass sie die direkte Verbindung zum Herzen nicht durch intellektuelle Pseudowissenschaft gestört ist. Wer das kann, der bekommt Beethovens Geist durch András Schiffs Kopf und Herz – was für ein Glücksmoment! Solche Kraft, Poesie, Spannung und zugleich Demut vor dem Werk hört, nein: spürt man selten. Ganz abgesehen von der technischen Ausführung – über Schiffs pianistische Fähigkeiten auch nur ein Wort zu verlieren, ist Zeitvergeudung. Er kann das, was er da macht; ja, mehr als das: Er kann auf das Klavier als eine seiner so zahlreich gesprochenen Sprachen zählen.

Nach den Sonaten op. 31 wird die „Waldstein“-Sonate in dieser Aufnahme zur Offenbarung, und op. 31/1 zeigt eine Facette an Beethoven, die man selten hört: Leichtigkeit. Interessanterweise ist es in G-Dur, wie auch schon der zweite Satz der Cellosonate op. 5/2 – auch unbeschwerte Musik.

Jeder Moment, den man einen Komponisten, besonders einen der Klassik, durch András Schiff sprechen hören kann, ist ein kostbarer. Zusammen ergeben sie vielleicht drei Sekunden Ewigkeit. Um so mehr ist es bedauernswert, dass das Konzert vom kommenden Sonntag im Theater an der Wien, in dem die Opera 49, 14 und 22 erklungen wären, auf Frühjahr 2009 verschoben wurde.

Drei Sekunden Ewigkeit – András Schiffs fünfte Beethoven-CD