Ludwig van Beethoven zum 247. Geburtstag

ludwig-van-beethoven-death-mask-of-the-german-composer_2_0Eigentlich ist es ja seltsam, dass ausgerechnet ein Rheinländer mit niederländischen Wurzeln als einer der drei Hauptvertreter der „Wiener Klassik“ gilt. Die anderen beiden sind übrigens ein Salzburger (Mozart) und ein Burgenländer (Haydn). Ludwig van Beethoven, geboren 1770 im damals noch beschaulichen Bonn am Rhein als Sohn eines dem Alkohol verfallenen Orchestermusikers, kam also dank diverser Gönner nach Wien, um von dem Burgenländer die Wiener Klassik zu lernen, und blieb – wie so viele vor und nach ihm.

Auch bei Beethoven sind die Eckpfeiler seines Lebens wohl bekannt oder leicht nachzulesen. Beethoven, von den drei Wiener Klassikern derjenige, der die Schwelle zur Romantik am ehesten berührt, wenn nicht sogar ganz zaghaft gelegentlich schon überschreitet, quasi mit der kompositorischen kleinen Zehe. Mozart, der Göttliche, Haydn, der Irdische, und Beethoven, der … ja was? „Titan“ ist einer der Begriffe, die man immer wieder in Zusammenhang mit ihm findet. Warum ausgerechnet „Titan“?

Beethoven ringt ein Leben lang. Mit sich, seinem Inneren und Äußeren. Glaubt man den zeitgenössischen Beschreibungen, so war er kein äußerlich schöner Mensch: als klein und pockennarbig, mit wildem Haar und oft grimmigem Gesichtsausdruck wird er dargestellt. Das Innere ist wohl schwerer zu beschreiben, ist es doch so untrennbar mit manchen Äußerlichkeiten, so etwa der immer wieder verschmähten Liebe und dem Verlust der akustischen Wahrnehmungsfähigkeit der Umwelt verbunden. Nicht nur daraus resultiert wohl ein geradezu panisches Ringen mit den musikalischen Gedanken, die sich in seinem Kopf und seiner zerklüfteten Seele formen. Meist sind es Tonleiter- oder Dreiklangsmotive, die er – anders als die endlos fließenden Mozart-Melodien oder die fast sprachlich artikulierten Haydn-Motive – zu markanten Themen zusammenschmiedet.

Abweisend und schroff sind viele seiner Themen, ja ganze Werke brauchen die Bereitschaft von Musikern und Zuhörern, sich auf diesen Menschen einzulassen. Und doch gibt es die Momente der beinahe unbeschwerten Schönheit, sogar Anflüge von Humor, wenngleich selten „Spaß“. Harmlos war er sicher nicht, der Komponist von „Hammerklavier“-Sonate, Fidelio und den späten Streichquartetten. Wäre er ein bildender Künstler gewesen, hätte er wohl mit Granit und heutzutage auch mit Stahl gearbeitet. Und doch tun sich Sehnsüchte auf (man denke an den langsamen Satz der „Pathétique“-Sonate), friedlich-pastorale Werke (so etwa der erste Satz des G-Dur-Klavierkonzerts, der erste Satz des „Erzherzog“-Trios oder die A-Dur-Cellosonate) und auch heiter-unbeschwerte Sätze (etwa der letzte Satz des dritten Klaviertrios, der letzte Satz des Tripelkonzerts oder weite Teile der siebten und achten Symphonie) kommen vor.

Beethovens Musik springt einen nicht an, weder den Zuhörer noch den Spieler. Sie braucht, um ihre volle Faszination zu entfalten, den Willen, dem Menschen Beethoven entgegenzukommen. Lässt man sich aber einmal auf diese Reise wirklich ein, kommt man von ihr nicht mehr los. Und irgendwann, irgendwann erklärt sich auch das Unerklärliche, zum Beispiel wie in den letzten Streichquartetten die Cavatine neben der Großen Fuge stehen kann. Beethoven näherkommen zu wollen ist eine Reise zum Mittelpunkt der Erde.

Ludwig van Beethoven zum 247. Geburtstag

Drei Sekunden Ewigkeit – András Schiffs fünfte Beethoven-CD

Wieso maßt sich ein Irdischer an, über eine Götterkonferenz zu schreiben? Wahrscheinlich aus Neid, nicht dazuzugehören … András Schiff, Pianist, Musiker und Musikant, hat im Konzert bereits den gesamten Kosmos der Beethoven-Klaviersonaten durchschritten. In seinem Kopf und seinem Herzen sicher schon jahrzehntelang und immer wieder, aber nun lässt er uns daran zwiefach teilhaben: In den großen Konzertsälen der Welt und, dank dem CD-Label für Connaisseurs (Manfred Eichers ECM New Series), nun auch zu Hause. Die CD ist – wie immer – makellos aufgemacht, klingt fabelhaft (man hört sogar den Unterschied zwischen Bösendorfer und Steinway!) und ist einmal mehr mit einem wunderbaren Booklet ausgestattet, worin wieder Teile der Gespräche abgedruckt sind, die Martin Meyer mit András Schiff über diese Werke geführt hat. Wem selbst dieses Booklet noch zu wenig informativ ist, dem sei das inzwischen erschienene Buch ans Herz gelegt.

Interpretationsvergleiche von Werken scheinen mir vollkommen sinnlos. Man vergleicht ja auch nicht Picasso mit Dalí, selbst wenn es zufällig von beiden ein Bild mit demselben Titel geben sollte. Es ist schlichtweg nicht von Interesse, ob Kempff, Gulda, Annie Fischer oder Claudio Arrau einen Satz schneller oder langsamer spielen, nein, nicht einmal, ob sie ein bestimmtes sforzato stärker spielen als András Schiff oder nicht. Das ist, man verzeihe mir das derbe Wort, Klugscheißerei. Worüber es also zu berichten gilt, wenn sich ein Musiker vom Rang eines András Schiff dem Neuen Testament der Klavierliteratur nähert, ist lediglich, ob diese Näherung gelungen scheint.

Gleich vorweg: Sie scheint nicht nur gelungen, sie ist es. Natürlich, wie bei allen großen, ja beinahe übermenschlichen Musikanten, wie Schiff einer ist, ist das Resultat ein absolutes und persönliches zugleich. Natürlich könnte man ausführlich über seine Pedaltechnik sinnieren, inwieweit sie von seiner Kenntnis der Instrumente der Beethoven-Zeit beeinflusst ist. An vielen Stellen (so etwa besonders im ersten Satz von op. 31/2) fällt es zumindest auf, da man eine Hörgewohnheit hat. Ob es die richtige war, ist vollkommen fraglich. Natürlich könnte man darüber schreiben, dass er sich gelegentlich sehr freizügig über dynamische Anweisungen oder sforzati hinwegsetzt.

Doch all das zählt nicht. Jeder, der diese Begegnung zweier Titanen live miterlebt hat, weiß, warum. Es ist erklärt im Moment des Hörens, wenn man es wirklich schafft, die eigenen Ohren zu so öffnen, dass sie die direkte Verbindung zum Herzen nicht durch intellektuelle Pseudowissenschaft gestört ist. Wer das kann, der bekommt Beethovens Geist durch András Schiffs Kopf und Herz – was für ein Glücksmoment! Solche Kraft, Poesie, Spannung und zugleich Demut vor dem Werk hört, nein: spürt man selten. Ganz abgesehen von der technischen Ausführung – über Schiffs pianistische Fähigkeiten auch nur ein Wort zu verlieren, ist Zeitvergeudung. Er kann das, was er da macht; ja, mehr als das: Er kann auf das Klavier als eine seiner so zahlreich gesprochenen Sprachen zählen.

Nach den Sonaten op. 31 wird die „Waldstein“-Sonate in dieser Aufnahme zur Offenbarung, und op. 31/1 zeigt eine Facette an Beethoven, die man selten hört: Leichtigkeit. Interessanterweise ist es in G-Dur, wie auch schon der zweite Satz der Cellosonate op. 5/2 – auch unbeschwerte Musik.

Jeder Moment, den man einen Komponisten, besonders einen der Klassik, durch András Schiff sprechen hören kann, ist ein kostbarer. Zusammen ergeben sie vielleicht drei Sekunden Ewigkeit. Um so mehr ist es bedauernswert, dass das Konzert vom kommenden Sonntag im Theater an der Wien, in dem die Opera 49, 14 und 22 erklungen wären, auf Frühjahr 2009 verschoben wurde.

Drei Sekunden Ewigkeit – András Schiffs fünfte Beethoven-CD