Zsigmondy spielt Bach

pmr0093_bach_webcover1994 starb Anneliese Nissen, Dénes Zsigmondys Frau und Duopartnerin über fünfzig Jahre Konzert- und Unterrichtstätigkeit. Die Aufnahmen von Sonaten von Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms und Schumann sind bis heute – wenngleich bedauerlicherweise Insidertipps – beispielhaft für perfekte Duokunst. Ich lernte Zsigmondy 1995 kennen und hatte das Glück, über die nächsten zehn Jahre mit ihm Kammermusik spielen zu dürfen, in Holzhausen zu unterrichten, und rückblickend sehr viel Zeit mit ihm zu verbringen. Diese Bach-Aufnahme lag ihm unendlich am Herzen; sie war wohl sein musikalischer Abschied von seiner Frau, und sie dokumentiert zugleich die Essenz seines Daseins. Dénes Zsigmondy war in erster Linie Mensch, dann Musiker, und dann erst Geiger. Er war immer mehr interessiert an Kunst, Literatur, Architektur, Philosophie oder Musik an sich als am Geigenspiel im Besonderen. Zu den Menschen, denen er im Leben begegnete, gehörten Thomas Mann und Werner Heisenberg; er bewunderte Alfred Brendel, András Schiff und Cecilia Bartoli, und war leidenschaftlicher Tennisfan. Im Mai 1995, im Alter von 73 Jahren, schloss er sich über Tage hinweg alleine in der Kirche von Holzhausen ein, wo er Hunderte von Konzerten mit seiner Frau gegeben hatte, und spielte Bach aus seinem zerfledderten Exemplar des Faksimiles. Kein Tonmeister war anwesend; er betätigte den Startknopf des DAT-Recorders selber, nachdem Otto Braun die Mikrofone aufgebaut und ihn dann alleine gelassen hatte. Das Resultat waren rund 50 Stunden vollkommen unsortiertes Tonmaterial, denn natürlich folgte er weder einem Aufnahmeplan noch sonstigen Regeln. Es schien aussichtslos, dass aus den zahlreichen DAT-Kassetten mit wahllosen Bach-Sätzen (und manchmal nur Fragmenten) je eine professionelle Aufnahme werden könnte. Ich habe mich 1996 durch das gesamte Material gehört und gemeinsam mit Robert Müller die vorliegende Aufnahme geschnitten; noch heute erinnere ich mich an ein Band, das voll mit „Üben“ schien, aber dann einmal das Adagio der C-Dur-Sonate enthielt, das mir die Tränen in die Augen brachte – es befindet sich ungeschnitten auf in dieser Aufnahme. Keine Minute Zsigmondy, die ich damals gehört habe, empfinde ich als verschwendet. Zsigmondy bezahlte dann 1996 eine Pressung von CDs selbst; die Aufnahme ist nie richtig veröffentlicht worden. Ich bin daher glücklich, zur 95. Wiederkehr seines Geburtstags das Vermächtnis dieses besonderen Musikers in einer neu gemasterten Version einer weiteren Öffentlichkeit präsentieren zu können, und bin sicher, dass nicht nur seine zahllosen Schüler und Freunde daran Freude haben. Es ist nicht nur ein musikalischer Blick in die Vergangenheit, sondern auch in die Seele eines Menschen, den wir nicht vergessen sollten.

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Zsigmondy spielt Bach

Joseph Haydn zum 286. Geburtstag

474px-Joseph_Haydn_0Es ist wohl nicht nur dem Epitheton „Papa“ zu verdanken, dass wir uns kaum vorstellen mögen, dass Haydn auch einmal jung gewesen sein muss. Aber eigentlich, wenn man ganz ehrlich zuhört, ist Franz Joseph Haydns Musik bis zu jener aus seinem hohen Alter die des Lausbuben aus dem burgenländischen Dorf Rohrau. Es ist ein flaches, unauffälliges Haus an der Hauptstraße, in dem Joseph Haydn 1732 zur Welt kam und von wo aus er von seinem Schullehrer zu einer besseren und insbesondere auch musikalisch fundierten Ausbildung in die Stadt geschickt wurde.

Die wesentlichen Fakten seines Lebens sind bekannt: verheiratet mit einer Frau, die allgemein als missmutig beschrieben und von ihm wahrscheinlich nicht im romantischen Sinne geliebt wurde (führen wir uns hier doch Mozarts geradezu gurrende Verliebtheit als Kontrast vor Augen), jahrzehntelanger Dienst bei Esterházys und später Ruhm, der ihm von Wien aus auf allen seinen Reisen vorausgeeilt ist.

Und doch, bei allem Fleiß, aller Gewissenhaftigkeit und allem Ehrgeiz, den der Haydn wohl gehabt haben muss (denn sonst wäre er kaum zu dem geworden, was er am Ende seines Lebens war: ein reicher und berühmter Mann), ist ihm zweifellos ein unbändiger und bodenständiger Schalk im Nacken gesessen. Zu viele Anzeichen gibt es dafür: allseits bekannte wie die Komposition der „Abschiedssymphonie“, aber auch weniger bekannte wie den doppelten Verkauf desselben Stücks an zwei Verleger in verschiedenen Ländern, in der Gewissheit, dass diese es nicht merken würden, bis hin zu so unendlich vielen kleinen und großen musikalischen Überraschungen, die die Erwartungshaltung seiner Zuhörer geradezu ad absurdum führen, dass ein detailliertes Aufzählen hier gar nicht möglich ist.

Wohl aber möglich ist, daraus ein sehr persönliches Bild zu zeichnen von einem Menschen, der bei allem schwer begreiflichen und unendlichen Talent doch im Gegensatz zu Mozart, dem ein göttlicher Funke innewohnt, ein durch und durch irdischer Komponist ist. Man mag sich vorstellen, daß er während einer Aufführung in der Ecke sitzt und schmunzelt, wenn der Frau Gräfin beim Paukenschlag vor Schreck der Fächer aus der Hand fällt. Mozarts Scherze sind weniger subtil: Wenn er scherzt, dann in der ihm eigenen göttlichen Maßlosigkeit, so dass man „vor Vergnügen Pomeranschen scheißen möchte“.

Haydn, wegen seiner oft unaufwendigen Kompositionsmittel auch immer wieder unterschätzt (hat jemals jemand Mozart unterschätzt?), braucht mitunter Intellektuelles Verständnis, ohne das man bei Mozart wahrscheinlich weiter kommt. Haydn ist dennoch nicht weniger beglückend und vor allem oftmals kühner als man es dem „Papa“ instinktiv zutrauen möchte.

Joseph Haydn zum 286. Geburtstag

Wolfgang Amadeus Mozart zum 262. Geburtstag

Mozart, Wolfgang Amadeus (BKA)_0Über Mozart, den Komponisten, der wohl den Göttern am nächsten ist, scheint alles gesagt. Und doch gibt es Dinge, über die man auch als Musiker nicht täglich nachdenkt.

1862 machte sich der Jurist, Historiker und Amateurmusiker Ludwig von Köchel, Erzieher der Söhne von Erzherzog Karl, daran, die Werke Wolfgang Amadé Mozarts zu katalogisieren. Und da beginnen schon die Probleme: Wolfgang Amadeus Mozart hieß gar nicht „Amadeus“. Wir haben keine einzige solche Unterschrift von Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart (so der Taufname), lediglich in drei Briefen verwendet er – und das auch nur eher scherzhaft – die später wahrscheinlich durch den amtlich latinisierten Eintrag im Sterberegister üblich gewordene Form seines von ihm stets gewählten „Amadé“ übersetzten dritten Vornamens Theophilus. Noch die ersten Werke erschienen als „J. G. Wolfgang Mozart“, das G für „Gottlieb“.

„Wurscht“, mögen Sie jetzt zu Recht denken – ist es aber doch nicht ganz, denn es zeigt, daß man mit wieviel Forschung auch immer an die wahren Details im Leben des W. A. Mozart wohl nicht herankommen wird. Und so verhält es sich auch mit dem von fünf weiteren Musikwissenschaftlern unaufhörlich ergänzten, erweiterten und umgearbeiteten Köchel-Verzeichnis, dessen inzwischen achte Auflage aus dem Jahr 1983 nicht nur für Musiker ein inzwischen unüberschaubares Chaos darstellt. In noch chaotischerem Zustand ist wohl das in meinen Augen unselige Werkverzeichnis von Joseph Haydn, das Anthony van Hoboken in den Jahren 1957 bis 1978 angefertigt hat.

Während Sie diese Zeilen lesen, wäre das erste Werk des Köchelverzeichnis, das Menuett in G-Dur KV1 (erste Auflage) bzw. KV1e (sechste Auflage) wahrscheinlich schon vorbei. Nicht einmal die Entstehungszeit dieses kleinen Stücks ist wirklich sicher: War Mozart nun fünf oder acht Jahre alt, als er es schrieb? Das nun – Sie mögen es mir verzeihen – finde ich „wurscht“, denn mir als Musiker wird das Wunder Mozart immer unbegreiflicher, je mehr Musik ich von ihm kenne.

Springen wir ins Jahr 1785. Mozart war auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und – das sei hier nebenbei erwähnt – alles andere als ein verarmtes Genie. In heutiger Währung waren es in den Wiener Jahren Millionen, die er umsetzte. Der konzertierende und komponierende Superstar, der für die Kerzen in der für seinen Billardtisch eigens konstruierten indirekten Beleuchtung jährlich bedenkenlos mehr Geld ausgab als die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung verdiente, lebte überschwenglich: prachtvolle Wohnungen, Instrumententransporte, Bedienstete, Kleider, Perücken, die Kuraufenthalte für seine Frau, Festessen und vieles mehr. Andererseits: Er war 29 (!) Jahre jung, endlich erfolgreich und gesund – wofür hätte er sparen sollen? Er konnte ja nicht wissen, dass er mit 35 tödlich erkranken würde. Dass bei einem solchen Lebenswandel dann auch einmal eine Produktion, in die er viel Geld investiert hatte, ein Flop sein konnte, ist nur natürlich, und Versicherungen jeglicher Art kannte man nicht. Also gab es zeitweise Engpässe – heute würde man sagen: unregelmäßigen cashflow. Aber richtige Armut? Nie – das gehört ins Reich der Legenden. Mozarts Gagen in Wien waren astronomisch. Man würde ja auch heute von Michael Jackson nicht sagen, er hätte „verarmt“ gelebt …

Nächste Station: 1788. Es sind die drei letzten Symphonien, Klaviertrios und -sonaten sowie verschiedene kleinere Werke, die es (jenes nach dem „Don Giovanni“) beherrschen. Mozart – man vergesse das nicht! – war immer noch erst 32 Jahre alt. Die Symphonie in C-Dur KV 551 („Jupiter“) ist die letzte, wenngleich mit dem „Titus“, der „Zauberflöte“, dem Requiem und dem Klarinettenkonzert noch massenhaft Orchesterwerke folgen sollten. Die drei letzten Symphonien entstanden wohl innerhalb von zwei Monaten, sind doch die Niederschriften mit 26. Juni, 25. Juli und 10. August datiert. Wenn das für nachkommende Musiker keine Aufforderung zur Demut ist … Die Tonarten g-moll, Es-Dur und C-Dur könnten auf die drei Symphonien 82 bis 84 von Haydn zurückgehen, die im Dezember 1787 als sein op. 51 im Druck erschienen ist. Eine weitere Verbeugung vor dem großen Gönner? Es scheint demzufolge beinahe schicksalhaft, dass ausgerechnet in London, wo Haydn manche seiner größten Erfolge feierte, von dem Impresario Johann Peter Salomon 1829 der Name „Jupiter-Symphonie“ geprägt wurde. Amadeus und Jupiter – wer da den kürzeren zieht, bleibt wohl offen.

Schauen Sie das Phantombild des BKA an, das einen Besessenen zeigt. Schumanns Zitat:„Klimpere nie!“ ist geradezu harmlos im Vergleich zu Mozarts Schaffensdrang. Was bleibt? Vielleicht eine weitere Antwort auf die Frage, woran Mozart gestorben ist: Zu viel Leben.

Wolfgang Amadeus Mozart zum 262. Geburtstag

Ludwig van Beethoven zum 247. Geburtstag

ludwig-van-beethoven-death-mask-of-the-german-composer_2_0Eigentlich ist es ja seltsam, dass ausgerechnet ein Rheinländer mit niederländischen Wurzeln als einer der drei Hauptvertreter der „Wiener Klassik“ gilt. Die anderen beiden sind übrigens ein Salzburger (Mozart) und ein Burgenländer (Haydn). Ludwig van Beethoven, geboren 1770 im damals noch beschaulichen Bonn am Rhein als Sohn eines dem Alkohol verfallenen Orchestermusikers, kam also dank diverser Gönner nach Wien, um von dem Burgenländer die Wiener Klassik zu lernen, und blieb – wie so viele vor und nach ihm.

Auch bei Beethoven sind die Eckpfeiler seines Lebens wohl bekannt oder leicht nachzulesen. Beethoven, von den drei Wiener Klassikern derjenige, der die Schwelle zur Romantik am ehesten berührt, wenn nicht sogar ganz zaghaft gelegentlich schon überschreitet, quasi mit der kompositorischen kleinen Zehe. Mozart, der Göttliche, Haydn, der Irdische, und Beethoven, der … ja was? „Titan“ ist einer der Begriffe, die man immer wieder in Zusammenhang mit ihm findet. Warum ausgerechnet „Titan“?

Beethoven ringt ein Leben lang. Mit sich, seinem Inneren und Äußeren. Glaubt man den zeitgenössischen Beschreibungen, so war er kein äußerlich schöner Mensch: als klein und pockennarbig, mit wildem Haar und oft grimmigem Gesichtsausdruck wird er dargestellt. Das Innere ist wohl schwerer zu beschreiben, ist es doch so untrennbar mit manchen Äußerlichkeiten, so etwa der immer wieder verschmähten Liebe und dem Verlust der akustischen Wahrnehmungsfähigkeit der Umwelt verbunden. Nicht nur daraus resultiert wohl ein geradezu panisches Ringen mit den musikalischen Gedanken, die sich in seinem Kopf und seiner zerklüfteten Seele formen. Meist sind es Tonleiter- oder Dreiklangsmotive, die er – anders als die endlos fließenden Mozart-Melodien oder die fast sprachlich artikulierten Haydn-Motive – zu markanten Themen zusammenschmiedet.

Abweisend und schroff sind viele seiner Themen, ja ganze Werke brauchen die Bereitschaft von Musikern und Zuhörern, sich auf diesen Menschen einzulassen. Und doch gibt es die Momente der beinahe unbeschwerten Schönheit, sogar Anflüge von Humor, wenngleich selten „Spaß“. Harmlos war er sicher nicht, der Komponist von „Hammerklavier“-Sonate, Fidelio und den späten Streichquartetten. Wäre er ein bildender Künstler gewesen, hätte er wohl mit Granit und heutzutage auch mit Stahl gearbeitet. Und doch tun sich Sehnsüchte auf (man denke an den langsamen Satz der „Pathétique“-Sonate), friedlich-pastorale Werke (so etwa der erste Satz des G-Dur-Klavierkonzerts, der erste Satz des „Erzherzog“-Trios oder die A-Dur-Cellosonate) und auch heiter-unbeschwerte Sätze (etwa der letzte Satz des dritten Klaviertrios, der letzte Satz des Tripelkonzerts oder weite Teile der siebten und achten Symphonie) kommen vor.

Beethovens Musik springt einen nicht an, weder den Zuhörer noch den Spieler. Sie braucht, um ihre volle Faszination zu entfalten, den Willen, dem Menschen Beethoven entgegenzukommen. Lässt man sich aber einmal auf diese Reise wirklich ein, kommt man von ihr nicht mehr los. Und irgendwann, irgendwann erklärt sich auch das Unerklärliche, zum Beispiel wie in den letzten Streichquartetten die Cavatine neben der Großen Fuge stehen kann. Beethoven näherkommen zu wollen ist eine Reise zum Mittelpunkt der Erde.

Ludwig van Beethoven zum 247. Geburtstag

Gruselchenkabinettchen

„LÅT DEN RÄTTE KOMMA IN“ bei der Viennale

lettherightoneinpicTomas Alfredsons Vampirfilm wird OmU (englisch) geboten, was einmal mehr mein Faible für Originalfassungen bestärkt, wenngleich die Untertitel manchmal ein etwas seltsames Englisch bedeuten. Aber immerhin hat man einen Eindruck der Stimme zum Gesicht – und darum geht es ja.

Obwohl ganz neu (2008) wird uns 114 Minuten lang suggeriert, wir befänden uns in den auslaufenden 1970er Jahren. Ein ganz normaler schwächlicher Zwölfjähriger (Kare Hedebrand), Opfer von Bullying und Scheidungskind – hier werden für meinen Geschmack ein paar zu viele Klischees bedient – verliebt sich in das gleichaltrige Nachbarsmädchen (hinreißend: Lina Leandersson; wann haben wir zuletzt bei einem Kind so schöne Augen gesehen?). Bedauerlicherweise ist jenes Mädchen ein Vampir, und demzufolge ist die Liebe etwas problematisch. Also: Am Ende siegt der Schwache über die vermeintlich Starken, und die Liebe über den zeitweise unausweichlich scheinenden Tod. Wie immer.

Dennoch: Einerseits werden Klischees bedient und Verdopplungen von Effekten eingesetzt, beispielsweise besonders auffallende Musik- oder Soundeffekte bei entscheidenden Szenen (manchmal ist es fast bedrückend still in diesem Film). Andererseits aber schafft dieses Kammerspiel etwas, was bei fast zwei Stunden rund um Mitternacht schon eine Kunst ist: Man bleibt dabei. Längen sind nicht langweilig, und in gewisser Weise ist man doch gefesselt (ob mit der Faszination des Voyeurs oder durch die Handlung ist mir immer noch nicht klar).

Erinnernd an Aki Kaurismäkis seltsame Geschichten werden hier ein paar sehr schöne Bildeffekte (etwa die Überblendungen des Anfangs oder die gar zu nahen Nahaufnahmen mit verschwommenem Hintergrund) fast zu Tode geritten, wohingegen manchmal geradezu schmerzvoll gespart wird. Meine Empfehlung also: Wenn Sie die Chance bekommen, diesen Film zu sehen, nutzen Sie sie. Lena Leanderssons Darstellung des von den Gefühlen zerrissenen Vampirs ist meiner Meinung nach weit über den durchschnittlich gebotenen Leistungen von Schauspielern im Kindesalter.

Gruselchenkabinettchen

Geglückt – Kusej inszeniert Nestroy: „Höllenangst“

NestroyUnd noch ein Beweis dafür, dass Regietheater nicht gleich Regietheater ist. Wieder haben
wir es – wie zuletzt im Fall des Wallenstein – mit einem Großen zu tun, nicht einem, der Kostümbildnerinnen nach der Farbe ihrer Fingernägel beurteilt und deswegen bisweilen sogar entlässt, wie laut Gerücht jüngst vorgekommen. Hier also ist es Martin Kusej, der in einer Koproduktion mit den Salzburger Feststpielen Nestroys „Höllenangst“ für das Burgtheater inszeniert hat.

Die Bühne ist – bis auf eine sehr intelligente Kontruktion mit vielen Türen – leer, und einmal mehr wird ohne Requisiten (die Koffer im letzten Bild ausgenommen) gespielt. Martin Kusej aber versteht es, seine grandiosen Schauspieler (allen voran Nicholas Ofczarek und Joachim Meyerhoff) zu führen, hält die Spannung einen ganzen Abend lang und hat darüber hinaus noch ein paar wirklich hübsche Regie-Einfälle. Ofczarek gibt eine Otto-Schenk-Parodie, die nicht ganz unbeabsichtigt sein kann, und Joachim Meyerhoff (sehr rheinisch wieder mal) liefert eine köstliche Darstellung des als Beelzebub verkannten Oberrichters.

Lediglich die Zwischenmusiken, die die Couplets ersetzen, sind unmotiviert und unpassend. Natürlich würde das Stück ohne solche Einlagen womöglich zu dicht, aber es muss eine andere Form der Auflockerung geben als diesen Unfug. Ein so zeitgebundenes Stück wie dieses, mit einem heute als passé geltenden Thema (dem Verkauf der Seele an den Teufel) kann man sicher nur gnadenlos vom Biedermeier loslösen, wie hier grandios geschehen, oder eben als verzopfte Histörchenkomödie nachspielen. Alle halbherzigen Versuche in die eine oder die andere Richtung sind zum Scheitern verurteilt.

Am 1. Mai gibt es die vorläufig letzte Gelegenheit zum Besuch im Burgtheater – unbedingt anzuraten!

Geglückt – Kusej inszeniert Nestroy: „Höllenangst“

Ich kenne meine Pappenheimer

Gert Voss ist Albrecht Wallenstein

Aus der Wallenstein-Trilogie (Wallensteins Lager, Die Piccolomini, Wallensteins Tod) hat man für diesen Burgtheaterabend ein rund dreieinhalbstündiges Theaterstück gemacht. Nun ist man derlei Vorgängen im Burgtheater gegenüber inzwischen sehr skeptisch, aber in diesem Fall ist diese Kürzung virtuos geglückt – und das, ohne zusätzliche Figuren zu erfinden oder einen Erzähler einzubauen, wie wir es auch schon schmerzlich sehen mussten.

Gert VossGanz und gar nicht: Unter der Regie von Thomas Langhoff spielt man hier das Stück und verlässt sich auf des alten Schiller Sprachgewalt und Theaterkunst. Die Menschen stehen im Vordergrund, und das trotz eines wirklich aufwendigen Bühnenbilds (Bernhard Kleber), das dem Regisseur unbeschränkte Möglichkeiten bietet. Und so werden Auf- und Abtritte wirklich wieder zu Ereignissen, und man erahnt wieder, wo welche Szene spielt. Auch menschliche Dekoration ist nicht mehr tabu – das Feldherrenquartier hat kein absurdes Symbol einer Wache vor der Tür, sondern es stehen, man faßt es kaum, zwei Soldaten vor der Tür. All diese Tatsachen erlauben dem Zuschauer auch, sich ganz auf das sprachliche und menschliche Geschehen auf der Bühne zu konzentrieren – ist das nicht der eigentliche Sinn eines solchen Abends? Man hätte es gerade im Burgtheater in letzter Zeit schon fast vergessen können.

Da es sich unbestrittenermaßen um einen der größten Dramatiker handelt, sei hier also nur das menschliche Geschehen behandelt. Peter Matic als Questenberg scheint direkt vom Ballhausplatz ins Burgtheater zu kommen; welch wunderbare Darstellung eines Dieners der Bürokratie! Heinrich Schweiger, Ignaz Kirchner, Johannes Krisch und Franz J. Csencsits sind die Generäle Wallensteins, denen das Vertrauen in ihren Feldherrn abhanden kommt – man nimmt es ihnen ab. Der Vater-Sohn-Konflikt der Piccolominis wird von Dieter Mann und Christian Nickel so dargestellt, dass man als Zuschauer nicht weiß, wem man die größere Sympathie entgegenbringen soll; zuviel haben beide Standpunkte jeweils für sich.

Überhaupt ist das die große Kunst des Stücks und seiner Schauspieler: Die sich doch so verändernden Personen und die Sichtweise auf sie läßt den Zuschauer nicht kalt – man sympathisiert und mißbilligt gleichzeitig, etwa, wenn einem gegen Ende hin des Feldherrn Machenschaften klar scheinen.

Ja, der Feldherr … Gert Voss ist ein stolzer, ganz und gar von der Redlichkeit seines Tuns überzeugter Fels in der Brandung. Selbst in der grandiosen Szene mit seiner Schwägerin, der Gräfin Terzky (fabelhaft: Petra Moré), die ihn schlussendlich doch vom eigenen Scheitern zu überzeugen schafft, bleibt er seinen Idealen treu und wankt nicht. Wallenstein in Gert Voss‘ Deutung bleibt einem in Erinnerung als einer, der zur falschen Zeit am falschen Ort.

Die kleinen menschlichen Episoden, wie etwa die Familienszene mit seiner Frau (Kitty Speiser) rund um die Verliebtheit seiner Tochter (Pauline Knof) mit dem jungen Piccolomini, sind in dieser Darstellung weder peinlich noch für den Zusammenhang unbedeutend – im Gegenteil: Man wird sich darin sicher, dass Gert Voss‘ Wallenstein noch viele Facetten mehr hat als die, die er uns auf der Bühne zeigt.

Weitere Termine sind der 16. Februar sowie der 16. und der 23. März. Mindestens einen davon darf man nicht versäumen – und hoffen, dass demnächst im Burgtheater wieder mehr auf solche Stärken gesetzt wird: nur die besten Stücke in guten Inszenierungen und mit den besten Schauspielern, die zu finden möglich sind.

Ich kenne meine Pappenheimer